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Antje Boetius: „Wir müssen jetzt in Klimaschutz investieren“

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Kaum eine Region auf diesem Planeten hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so stark erwärmt wie die Arktis.

Deshalb war die „Polarstern“ dort. Bei der größten Arktis-Expedition aller Zeiten hat sich das Forschungsschiff im Eis einfrieren und ein Jahr lang treiben lassen. Das war die einzige Chance für die Wissenschaftler, Ozean, Eis und Atmosphäre in einem kompletten Jahreszyklus zu untersuchen und im Winter fast bis zum Nordpol vorzudringen. Was in der Arktis passiert, hat auch Auswirkungen auf uns, sagt Prof. Antje Boetius. Die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, fordert in einem Interview mit Ursel Kikker, jetzt umzusteuern.

Das Flaggschiff der deutschen Forschungsflotte, die „Polarstern“, ließ sich durch die Polarnacht mit dem Eis der Arktis treiben. Foto: AWI/Piotrowski

In welchem Moment wären Sie am liebsten zugestiegen?

Mich hätte gereizt, genau den Übergang vom Winter in das Frühjahr zu erleben. Die Arktis kenne ich ja ganz gut zu verschiedenen Jahreszeiten, aber diese absolute Dunkelheit im Winter und dann die ersten Sonnenstrahlen und die folgende Explosion des Lebens im und unter dem Eis, zumindest was die Einzeller angeht, das fehlt mir noch als Blick auf unseren Planeten.

Sie sind leidenschaftliche Tiefseeforscherin, bei „MOSAiC“ wurde auch unters Eis geguckt. Sie haben sicher einige Bilder gesehen. Gab es Entdeckungen, die Sie sehr fasziniert haben?

Ja, die Bilder von einem aktiven Ökosystem in der Polarnacht. Sogar Robben ließen sich mitten im Winter blicken. Die „MOSAiC“-Teilnehmer konnten auch Arten untersuchen, deren Überwinterungsstrategien bislang ein Rätsel waren. Dazu gehören Eis-Flohkrebse, die ein wichtiger Teil des arktischen Nahrungsnetzes sind. Auch die wiederholte Beobachtung von einwandernden atlantischen Arten in die Arktis finde ich faszinierend, sie unterstützt unsere Vorhersagen. Wie auch, von welchen Veränderungen die einzigartige arktische Lebensvielfalt jetzt schon durch den Klimawandel betroffen ist.

Glauben Sie, dass die Expedition die erhofften Ergebnisse, die das Verständnis des arktischen Klimasystems so sehr voranbringen soll, auch wirklich liefert?

Wir konnten erstmals über ein volles Jahr hinweg synchron Hunderte von Messungen durchführen. Für den Winter gab es ja zuvor praktisch keine Daten. Dieser Datenschatz, den unsere Forschenden nun nach Hause bringen, hilft uns, Rätsel um Prozesse im Klimasystem der Arktis zu lösen. Er lässt uns damit besser verstehen, welche Zukunft die arktische Region hat und welche Rolle die Arktis für unser Wetter und Klima hier in Europa spielt. Ein Fokus liegt auf dem Meereis, dessen Schwund als einer der Kipppunkte des Erdsystems gilt. Bis dieser riesige Datenschatz ausgewertet ist, wird es zwar noch ein bisschen dauern. Aber schon jetzt sehen wir, dass Wetter und Eis in der Arktis einer gigantischen Dynamik unterworfen sind und auch, dass der arktische Winter viel schneller warm geworden ist als angenommen.

Es war ein ungewöhnliches Jahr: erst die schwierigen Eisbedingungen, dann im zweiten Teil fährt die „Polarstern“ mehr oder weniger locker zum Nordpol und das Meereis-Minimum ist wieder fast erreicht. Wie nachdenklich stimmt Sie das und was muss unbedingt passieren?

Seit etwa zehn Jahren beobachten wir durch die Satelliten-Fernerkundung, dass das arktische Meereis zu allen Jahreszeiten immer weiter abnimmt. Im Sommer 2020 gab es die schnellste Eisschmelze in großen Teilen der sibirischen Arktis, die je beobachtet wurde. Was völlig unerwartet war: im Spätsommer ist die „Polarstern“ nördlich von Grönland durch lange Strecken offenen Wassers schnell zum Nordpol gelangt. Diese Entwicklung muss uns allen große Sorgen bereiten. Der Nordpol könnte laut aktuellen Prognosen schon in wenigen Jahrzehnten im Sommer eisfrei sein, wenn wir unseren Kohlendioxid-Ausstoß nicht drastisch verringern. Und das hat dann eine Veränderung der Großwetterphänomene und Extremwetterlagen auch bei uns zur Folge. Die technischen Möglichkeiten zum Umbau des Energiesystems gibt es. Aber es mangelt an politischer Umsetzung. Wir müssen jetzt in Klimaschutz investieren, und dazu braucht es erheblich mehr Steuerung durch Politik. Vielleicht bietet uns da der europäische Greendeal eine Chance.

Prof. Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts (AWI), machen die Entwicklungen in der Arktis Sorgen.
Foto: AWI/Esther Horvath

Hat die Expedition den Ruf des AWI als führendes Polarforschungsinstitut gestärkt? Wie erleben Sie das? Wird Ihnen das gespiegelt? Von wo bekommen Sie überall Reaktionen auf die „MOSAiC“-Expedition?

„MOSAiC“ ist in seinen Dimensionen eine beispiellose Polarmission und wird weltweit in den Medien wie auch in der Forschung so wahrgenommen. Da wir auch so in Film- und Foto-Dokumentation einer sich schnell ändernden Region der Erde investiert haben und die Beobachtungen direkt kommunizieren, haben wir eine viel größere Teilhabe der Menschen an Forschung erreicht, und das fühlt sich gut an. Ich freue mich auch über die Sichtbarkeit des AWI als leitendes Institut und für unsere Wissenschaftsstandorte – vor allem für Bremerhaven und Potsdam, wo viele beteiligte Polarforscher arbeiten. Und trotz aller Herausforderungen, zu denen zuletzt noch Corona kam, haben wir es geschafft, rund 500 Menschen aus 20 Nationen in die Arktis und zurück nach Hause zu bringen. Wir konnten also auch zeigen, wie sehr Wissenschaft Nationen verbindet.

Es wurden relativ viele junge Leute in verantwortlicher Position eingesetzt. Wie wichtig ist das?

Die Altersspanne auf der „Polarstern“ umfasste Anfang 20 bis Ende 60 – überhaupt hatten wir eine hohe Diversität der Teilnehmenden, die zu viel Erfahrungsaustausch und einem tollen Teamspirit geführt hat. Wie viel Engagement und Führungskompetenzen die nachrückende Forschergeneration mitbringt, bewiesen die jüngeren Leute an Bord in Teamleitung in Forschung und Infrastruktur und Logistik. „MOSAiC“ bot ihnen eine besondere Entwicklungsfläche, insbesondere in der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt. Für mich steht „MOSAiC“ beispielhaft für die lebendige Zukunft der Polar- und Klimaforschung. Ein Wermutstropfen war, dass wir aus Risikogründen für Gesundheit aber auch ältere Kollegen und Kolleginnen ausschließen mussten. Es war ja enorm herausfordernd, in diesem Jahr Personen auszutauschen, und so mussten wir auf Sicherheit setzen, auch wenn ich sonst denke, dass das Geburtsalter nur indirekt damit zu tun hat, wie fit man ist für die Polarforschung.

Wie wichtig ist die Expedition für die internationale Zusammenarbeit?

Ohne eine intensive Kooperation über Ländergrenzen hinweg wäre ein solches Mammutprojekt nicht möglich gewesen. Es begeistert mich, was der internationale Teamgeist in der Forschung auch in heutigen Zeiten möglich macht. Zurzeit müssen wir uns ja immer wieder um Zusammenhalt der großen Nationen Sorgen machen – aber hier bei dieser Mission haben wir rund um die Erde toll zusammengearbeitet. Es sind alle einem gemeinsamen Ziel gefolgt und haben dabei aufeinander achtgegeben. Dieses Vertrauensverhältnis brauchte nicht nur unser Team da draußen im Eis – es ist eine Voraussetzung für unsere Zukunft weltweit.

Wann würden Sie sich eine Wiederholung wünschen?

Solch große Missionen kann man sich wegen der begrenzten Ressource Mensch, Schiff, Finanzen nicht oft leisten. Aber es gehört zu den Aufgaben des AWI, immer wieder auch die schwierigsten Jahreszeiten und Orte der Meere und Polarregionen zu beforschen. Unser Forschungsprogramm enthält da noch einige große Ideen: Es sollen bald die Bohrungen des tiefsten Eiskerns in der Antarktis beginnen, ebenfalls ein Jahrhundertprojekt – und wir haben vor, auch von der Meeresseite aus die Klimageschichte der Antarktis umfassend zu rekonstruieren – dort liegt ein weiterer Schlüssel für unsere Zukunft.

Quelle: NORDSEE-ZEITUNG vom 12.10.2020 von Ursel Kikker

Anmerkung: „Was in der Arktis passiert, hat auch Auswirkungen auf uns,“ sagt Prof. Antje Boetius. Die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, fordert in einem Interview mit Ursel Kikker, jetzt umzusteuern.
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